Geschichte

Eine Reise durch die Grand-Prix-Geschichte von Aston Martin

1920er-Jahre

Die Goldenen Zwanziger

Schon seit er das Unternehmen Aston Martin mit seinem Partner Robert Bamford ins Leben gerufen hatte, verfolgte Aston Martin Mitgründer Lionel Martin einen großen Traum: mit der jungen Sportwagenfirma in der Grand-Prix-Arena für Schlagzeilen zu sorgen.

 

Aston Martin hatte sich bereits auf den Bergstrecken von Großbritannien einen Namen gemacht. Auch Lionel selbst konnte beachtliche Erfolge hinter dem Steuer seines eigenen Fahrzeugs vorweisen. Doch er wusste, dass die Teilnahme an Grand-Prix-Wettbewerben in ganz Europa den internationalen Ruhm bringen würde, den er sich für sein Unternehmen ersehnte.

 

Zu Beginn der „Goldenen Zwanziger“ rückte dieser Traum in greifbare Nähe, als Martin dem jungen Rennfahrer Graf Louis Zborowski vorgestellt wurde. Der sagenhaft reiche Sohn eines polnischen Grafen und einer amerikanischen Erbin hatte einen unstillbaren Durst nach Geschwindigkeit und eine große Vorliebe für den Motorsport.

 

Mit einem Vermögen, dessen Wert ihn heute mühelos zum Milliardär machen würde, hatte Zborowski großzügige Mittel zur Verfügung. Hinzu kam, dass er bereits einige der frühesten Rennwagen von Aston Martin mit Seitenventilmotor und unverkleideten Rädern gefahren hatte. Diese Erfahrung mit der Marke ermutigte ihn, nicht nur einen, sondern zwei Rennwagen bei dem Unternehmen in Auftrag zu geben.

 

In Zusammenarbeit mit Lionel Martin und seinem Team entstand der Plan, zwei Fahrzeuge für die Isle of Man TT (Tourist Trophy) 1922 zu bauen. Zborowski stellte etwa 10.000 britische Pfund für das Projekt zur Verfügung – damals ein kleines Vermögen. Das Geld wurde nicht nur für die Autos verwendet, sondern auch für die Entwicklung eines vollkommen neuen 16-Ventil-Motors mit zwei oben liegenden Nockenwellen und vier Zylindern.

 

Der erste Grand-Prix-Rennwagen von Aston Martin mit diesem 1.486-cm³-Motor erreichte etwa 55 PS und 4.200 U/min. Das Fahrzeug wog 750 kg und hatte eine Spitzengeschwindigkeit von 137 km/h. Wie durch die damaligen Grand-Prix-Vorschriften vorgegeben, hatte es zwei Sitze, einer davon versetzt. Dieser bot Platz für den mitfahrenden Mechaniker, der ein unverzichtbares Mitglied des Teams war – nicht zuletzt, weil er mittels einer Handpumpe den Druck im Tank erhöhen musste.

 

Heutzutage unvorstellbar, wurde das Auto selbst zu den Rennen gefahren, an denen es teilnahm.

 

Wie bei jedem Aston Martin steckt auch hinter dem Motor eine eigene Geschichte. Es gab 1922 bereits seit einigen Jahren etliche erfolgreiche 16-Ventil-Rennmotoren – Peugeot, Bugatti und A.L.F.A. hatten alle 16-Ventil-Einheiten für Rennen und zum Erreichen von Geschwindigkeitsrekorden entwickelt. Doch die Entstehung des Antriebs von Aston Martin verlief wohl deutlich abenteuerlicher.

 

Clive Gallop, ein enger Freund und Rennkollege von Graf Zborowski, war mit dem Peugeot-Ingenieur Marcel Gremillion bekannt. Der talentierte Franzose war ein Schüler des großen Motordesigners Ernest Henry gewesen, der inzwischen bei Ballot arbeitete.

 

Gremillion überredete Henry, ihm Informationen zum 3,0-Liter-Motor von Ballot zu überlassen. Henry zerriss dazu lediglich seine Zeichnungen in zwei Hälften. Die untere Hälfte wechselte für einen „großen Sack Goldmünzen“ den Besitzer und Gremillion machte daraus den Bamford & Martin 16-Ventil-Motor mit einer einzigen Nockenwelle.

 

Dank der halbierten Zeichnung wurde aus dem von Henry entwickelten 3,0-Liter-Motor der Bamford & Martin Motor mit einer Nockenwelle, 16 Ventilen und 1,5 Liter.

Debüt beim Grand Prix

Eigentlich waren die Fahrgestelle TT1 und TT2 ja für die Tourist Trophy am 22. Juni 1922 vorgesehen gewesen. Doch dem Team lief die Zeit davon und sie wurden nicht rechtzeitig fertig. Man beschloss daher, dass die Autos stattdessen beim französischen 2-Liter-Grand-Prix am 15. Juli in Straßburg ihren ersten Auftritt haben sollten, und so wurde dieses Rennen zum Grand-Prix-Debüt von Aston Martin.

 

Zborowski übernahm das Steuer von TT1 mit Len Martin (kein Verwandter) als Mechaniker und Clive Gallop lenkte TT2 mit Unterstützung des Mechanikers H. J. Bentley (ebenfalls kein Verwandter).

 

Vielleicht war es unvermeidbar, dass beide Autos mit Motorproblemen ausschieden, da die Leistung der Motoren unter den Kapazitätsanforderungen für das Rennen lag, die Entwicklung überstürzt erfolgt war und die Vorgaben das Mitführen von Ballast erforderlich machten. Dennoch war die Erfahrung berauschend genug, um das junge Team aus der Abingdon Road im Londoner Stadtteil Kensington zum Fortsetzen seines Grand-Prix-Abenteuers zu motivieren.

 

Die anfangs hastig konstruierten TT-Fahrzeuge wurden im Lauf der Zeit weiterentwickelt und fuhren in den folgenden Monaten und Jahren mehrere Podiumsplätze ein, darunter ein zweiter Platz beim Großen Preis von Penya Rhin 1922 auf der Vilafranca-Strecke. Das Team wiederholte dieses Ergebnis im folgenden Jahr und erreichte 1923 zudem beim Großen Preis von Boulogne den dritten Platz.

 

Der vorzeitige Tod Zborowskis im Jahr 1924, fast zwangsläufig bei einem Unfall am Steuer eines Rennwagens, bedeutete das Ende des ersten Ausflugs von Aston Martin in die Spitzenklasse des Motorsports. Trotz zahlreicher erfolgreicher Einsätze von Privatfahrern sollte es 20 Jahre dauern, bis die Marke wieder einen nachhaltigen Eindruck bei einem Grand-Prix-Rennen hinterlassen würde.

1940er-Jahre

„Jock“ Horsfall

Auch wenn der belgische Sportwagen-Grand-Prix 1946 vielleicht nicht zu den namhaftesten Rennen gehören mag, spielte er doch für die Rennambitionen von Aston Martin eine bedeutende Rolle.

 

In den frühen Nachkriegsjahren verlief der Fortschritt des Motorsports in Europa eher organisch, wenn man die heutigen Standards von modernster Technologie und unerbittlicher Entwicklung anlegt. Wie kaum anders zu erwarten, waren viele der Fahrzeuge, die weniger als ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs antraten, nicht brandneu.

 

Die Aston Martin „Speed“ Rennwagen der Vorkriegszeit waren immer noch wettbewerbsfähig. Daher war es kein Schock, einen jetzt berühmten Aston Martin 2,0-Liter-Sportwagen aus dem Jahr 1936 unter den Teilnehmern beim Sportwagen-Grand-Prix 1946 in Belgien zu sehen, der am 16. Juni auf der temporären Strecke am Bois De La Cambre in Brüssel ausgetragen wurde.

 

Hinter dem Steuer saß bei diesem Rennen eine der schillerndsten Figuren, die je mit der Marke verbunden waren: St John Ratcliffe Stewart Horsfall, weithin bekannt unter dem Spitznamen „Jock“.

 

Jock war einer von sechs Söhnen aus einer wohlhabenden Familie und begeisterte sich schon früh für Automobile. Seinen ersten Aston Martin kaufte er 1934 im Alter von nur 24 Jahren. Der erfolgreiche Börsenmakler wurde schnell Teil der Aston Martin „Familie“ und half der Marke wesentlich bei der Entwicklung und beim Testen.

 

Während des Kriegs hatte er beim britischen Inlandsgeheimdienst MI5 gearbeitet. Zu seinen Aufgaben gehörte es dabei unter anderem, MI5-Beamten und -Agenten, Doppelagenten und gefangene Spione möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu fahren. Dies war umso bemerkenswerter, da Horsfall unter Astigmatismus litt und stark kurzsichtig war, sich jedoch weigerte, eine Brille zum Ausgleich seiner Sehschwäche zu tragen.

 

Außerdem war er am Überprüfen der Sicherheit von Marinestandorten und Flugplätzen beteiligt und in viele streng geheime Informationen eingeweiht. Seine bekannteste „geheime“ Aktivität war seine Rolle als Fahrer bei der „Operation Mincemeat“. Mit diesem Täuschungsmanöver wurden die Achsenmächte 1943 erfolgreich von der Landung der Alliierten auf Sizilien abgelenkt.

 

Hierzu ein interessanter Fakt: Man glaubt, dass diese geheime Operation von einem Memorandum zu Feindtäuschungstaktiken aus dem Jahr 1939 inspiriert wurde. Die Autoren waren Konteradmiral John Godfrey, der Leiter des Nachrichtendienstes der Royal Navy, und sein persönlicher Assistent, ein gewisser Lieutenant Commander Ian Fleming.

 

Beim belgischen Sportwagen-Grand-Prix kurz nach Kriegsende erreichte Jocks eigenes Fahrzeug vor Autos von Frazer Nash, BMW und Alvis die Ziellinie – ein beachtlicher Sieg für ein „älteres“ Modell.

 

Der Rennwagen wurde von einem Vier-Zylinder-Motor mit 1.950 cm3 und oben liegender Nockenwelle angetrieben, der etwa 125 PS produzierte. Das Fahrzeug wog ungefähr 800 kg, hatte die offene Bauform des Ulstertyps, zwei Sitze und separate Kotflügel. Es konnte eine Geschwindigkeit von 193 km/h erreichen.

 

Doch selbst der Sieg in Belgien war vielleicht noch nicht Horsfalls größte Leistung. Diese kam drei Jahre später, 1949 beim 24-Stunden-Rennen in Spa. Als Privatfahrer hinter dem Steuer eines Aston Martin Speed erreichte er den zweiten Platz in seiner Klasse und den vierten Platz in der Gesamtwertung. Das Bemerkenswerte an diesem Erfolg war, dass Horsfall zwar Paul Frère als Zweitfahrer zur Verfügung hatte, sich jedoch entschied, den Rennwagen die gesamten 24 Stunden selbst zu fahren.

 

Leider kam Horsfall nur etwa vier Wochen später in Großbritannien durch einen tragischen Rennunfall bei der BRDC Trophy 1949 auf der Silverstone-Strecke ums Leben. Sein Ansehen bei Besitzern und Fans von Aston Martin lässt sich aber nicht zuletzt auch daran messen, dass der Aston Martin Owners Club ein jährliches Rennen zu seinem Andenken veranstaltet, die St. John Horsfall Memorial Trophy.

1950er-Jahre

Wachsende Beliebtheit

Die 1950er waren eine spannende Zeit für Aston Martin. Sir David Brown hatte das Unternehmen 1947 gekauft worden und im selben Jahr wurde auch die Marke Lagonda übernommen. Nun entstand nach und nach eine Reihe von eleganten britischen Sportwagen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuten.

 

Sir David erkannte die Bedeutung des Motorsports für den kommerziellen Erfolg der Marke. Daher entwickelte er 1955 einen kühnen Plan zur Entwicklung von Autos, die es mit den besten Wettbewerbern in der Sportwagen-Weltmeisterschaft und der noch relativ neuen Formel-1-Weltmeisterschaft aufnehmen konnten.

 

Die Geschichtsbücher berichten vor allem von den berühmten Erfolgen wie dem DBR1, der in Le Mans gewann, und seinem Vorgänger, dem DB3S. Doch schon mit dem ersten Einsitzer, dem DP155, sammelte das Unternehmen wertvolle Erfahrungen und das Fahrzeug wurde zum Vorläufer der späteren Grand-Prix-Autos der 1950er. Neben diesem Projekt leitete Sir David auch die Arbeit an einem neuen Motor und einem neuen Straßenfahrzeugdesign ein, aus dem der DB4 entstehen sollte.

 

So wurde der Aston Martin DBR4 geboren. Obwohl die Tests schon 1957 begannen, machte der Rennwagen erst 1959 sein Wettbewerbsdebüt bei der BRDC International Trophy, die im Mai dieses Jahres in Silverstone nach Formel-1-Regeln durchgeführt wurde.

 

Zwei Fahrzeuge nahmen am Wettbewerb teil und Rennwagen Nr. 1 erzielte – gelenkt von Roy Salvadori, dem Gewinner des 24-Stunden-Rennens von Le Mans – einen beachtenswerten zweiten Platz hinter Jack Brabham in einem Cooper-Climax T51. Der DBR4/250 war ein Spaceframe-Einsitzer mit 256 PS und einem Gewicht von 575 kg. Angetrieben wurde er von einem Sechszylinder-RB-250-Motor mit 2.493 cm3 und Trockensumpfschmierung, der auf demselben Grunddesign aufbaute wie der Motor des DBR1 Sportwagens.

 

Der DBR4 wurde von einigen der Stars dieser Zeit gefahren, darunter Salvadori und Carroll Shelby. Dennoch konnte er aufgrund seines Frontmotors nicht mit den neuen Wettbewerbern mit Mittelmotor Schritt halten und erzielte in der Formel 1 nicht die gleichen legendären Erfolge wie sein Cousin DBR1 in der Sportwagenarena. Nach einem enttäuschenden Debüt für das Nachfolgemodell, dem DBR5, zog sich Aston Martin 1960 aus der Spitzenklasse des Einsitzermotorsports zurück.

2010er-Jahre

Eine Rückkehr in die Formel 1

In den letzten Jahren und nach einer Pause von fast einem halben Jahrhundert kehrte das Aston Martin Logo in die Fahrerlager der Formel 1 rund um die Welt zurück. Das Unternehmen wurde der Titelsponsor und technische Partner von Red Bull Racing. Diese Beziehung führte auch zur Entwicklung des außergewöhnlichen Hypercars Aston Martin Valkyrie, der 2021 in Produktion gehen soll.

 

Die Luxusmarke arbeitet fleißig an den Vorbereitungen für ihre Rückkehr ins Starterfeld. Mit dem Aston Martin Cognizant F1™ Team wird sie 2021 zum ersten Mal seit über 60 Jahre an einem F1™ Rennen teilnehmen und so die Tradition fortsetzen, die von den Gründern Lionel Martin und Robert Bamford begonnen wurde.

 

Lawrence Stroll, Executive Chairman von Aston Martin, erklärt: „Die Rückkehr des Namens Aston Martin in die Formel 1 ist angesichts unserer bewegten und dynamischen Geschichte in diesem Sport eine wirklich spannende Zeit für alle von uns, die wir mit dieser großen britischen Sportwagenmarke zu tun haben.

 

Das Formel-1-Starterfeld ist genau der richtige Platz für Aston Martin. Dort gehört diese Marke hin und dieses nächste Kapitel unserer Renngeschichte wird für Fans von Aston Martin und der F1™ auf der ganzen Welt unglaublich fesselnd werden.“